Der große Bogen zwischen Trost und Schicksal

6. November, 2026

Werke der Romantik: Kammerchor des Pastoralen Raumes Iserlohn überzeugte in der Aloysiuskirche mit Schumann und Brahms.

Hubert Schmalor

Iserlohn. „Von Trost und Schicksal“ war das Konzert des Kammerchores des Pastoralen Raumes Iserlohn zu Allerheiligen über-schrieben. Unter der Leitung von Tobias Leschke standen zwei selten aufgeführte Werke der Romantik von Johannes Brahms und Robert Schumann im Mittelpunkt. Die beiden Komponisten waren nicht nur eng miteinander befreundet, sondern beeinflussten sich auch in ihrer musikalischen Entwicklung und prägten damit eine ganze Musikepoche.
Das Plakat zum Konzert brachte die Thematik eindrucksvoll auf den Punkt: Düstere Wolken des Schicksals ziehen auf und lassen nur wenig Raum für einen den-noch nicht zu übersehenden Licht-schein, einen Hoffnungsschimmer. In der Zeit um Allerheiligen beschäftigen sich die Menschen verstärkt mit den Sinnfragen des Lebens, gedenken ihrer Verstorbenen, blicken aber auch hoffnungsvoll nach vorn – auf die bereits zu erahnende Advents- und Weihnachtszeit. Für Musiker ist es eine besondere Herausforderung, in diesem Spannungsfeld ein passendes und zugleich reizvolles Programm zusammenzustellen. Mit Brahms und Schumann anzusetzen, ist dabei schon aus musikhistorischer Sicht ausgesprochen spannend. Der bereits etablierte Schumann war Mitte des 19. Jahrhunderts von der Klavier- und Kammermusik des zwanzig Jahre jüngeren Brahms so begeistert, dass er ihm mit einem Artikel, in dem er ihn als wahren Erben Beethovens pries, zum Durchbruch verhalf. In der Folge wurde Brahms auch persönlich zu einem engen Vertrauten der Familie Schumann.

Trost, Zuversicht und Hoffnung

Die Entstehung von Schumanns Requiem im Jahr 1852 fällt in eine Zeit, in der er sich verstärkt der geistlichen Musik widmete, sein psychischer Zustand jedoch bereits stark angegriffen war. Es wird vermutet, dass er damit sein eigenes Requiem schreiben wollte – ein Werk, das er selbst nie hören sollte und das erst Jahre nach seinem Tod veröffentlicht wurde. Seine Komposition strahlt viel Trost, Zuversicht und Hoffnung aus. Es geht weniger darum, dem Schicksal zu trotzen, den unausweichlichen Tod  herauszufordern oder durch dramatisch-infernalische Klänge Angst vor ihm zu verbreiten. Vielmehr ist es, wie seine Frau Clara Schumann nach einer ersten Probe urteilte, „von schöner Wirkung,
herrlich und fromm empfunden“.

Tobias Leschke leitete das Konzert an Allerheiligen

Tobias Leschke leitete das Konzert an Allerheiligen | © IKZ | Dennis Echtermann

Johannes Brahms hat mit seinem opulenten Deutschen Requiem ein bedeutendes Werk der Chorliteratur geschaffen. Tobias Leschke hatte sich als Chorleiter und  Programmverantwortlicher jedoch für das weniger bekannte „Schicksalslied“ entschieden, das mit seinen höchst ambivalenten Aussagen einen reizvollen Gegenpol bildet. Das Werk beginnt ruhig und sehnsuchtsvoll. Der Chor schildert die himmlische, sorgenfreie und tröstende Seligkeit der Götter. Nach einem dramatischen Bruch wechselt die Musik nach c-Moll, wird aufgewühlt und stürmisch und zeichnet das Schicksal der unausweichlich sterblichen Menschen. Doch hoffnungsvoll kehrt das Werk schließlich nach C-Dur und damit zur Trostperspektive zurück.
Der Kammerchor des Pastoralen Raumes unter Tobias Leschke zählt rund 30 Sängerinnen und Sänger, die überwiegend über große Gesangserfahrung, teilweise sogar über eine professionelle Stimmausbildung verfügen. Das zeigt sich in der musikalischen Präzision: Die Stimmeinsätze sitzen perfekt, gemeinsames, exaktes Phrasieren ist selbstverständlich. Dynamische Abstufungen vom feinsten Pianissimo bis zu kraftvollen Einwürfen gelingen ausdrucksstark und diszipliniert. Die einzelnen Stimmen sind ebenso ausgewogen wie ihr Zusammenklang. Das Orchester der Camerata Instrumentale Siegen steht diesem durchweg professionellen Eindruck in nichts nach. Beide Werke, die vermutlich nicht unbedingt zu seinem Standardrepertoire gehören, hat es souverän und sicher im Griff. Chor und Orchester waren im Chorraum postiert, allerdings ein gutes Stück von den vorderen Sitzreihen entfernt. Tobias Leschke kennt die nicht ganz einfache Akustik „seiner“ Aloysiuskirche bestens und weiß, welche Aufstellung den optimalen Klang verspricht. Viele Alternativen bieten sich allerdings nicht. Die eher homophone Anlage beider Werke kam dabei den räumlichen Gegebenheiten entgegen. So durchströmte ein mächtiger, geschlossener und dennoch stets ausgewogener Klang das große Kirchenschiff.

Dynamische Abstufungen

Auch die vier Solisten des Abends – Paula Unckell (Sopran), Eva Nesselrath (Alt), Thomas Iwe (Tenor) und Hanno Kreft (Bass) – überzeugten auf ganzer Linie. Sie fügten sich nahtlos in den Gesamtklang ein und setzten mit der Ausdruckskraft und Strahlkraft ihrer Stimmen in den Solopassagen zusätzliche Glanzlichter. Es war zweifellos eine gute Entscheidung, Brahms‘ „Schicksalslied“ an den Schluss des Konzerts zu stellen. So schloss sich mit diesem differenzierten, gestalterisch feinsinnigen Werk der große Bogen zwischen Trost und Schicksal. Und mit seinem bezaubernden Nach-spiel überließ es schließlich der Hoffnung und Zuversicht das letzte Wort.

Quelle: Iserlohner Kreisanzeiger, 03.11.2026 – Lokalteil Iserlohn (zuletzt: 06.11.2026)