Fesselnde Aufführung von Mendelssohns „Elias“ in Iserlohn begeistert Publikum

11. November, 2025

Iserlohn. Eine gewaltige Aufführung von Mendelssohns „Elias“ in Iserlohn rührt am 9. November das Publikum – doch was macht dieses Werk so zeitlos?

Von Hubert Schmalor, 11.11.2025

Großartig, mitreißend und erschütternd zugleich – das Oratorium „Elias“ von Felix Mendelssohn Bartholdy fesselte das Publikum in der Aloysiuskirche in Iserlohn in einer denkwürdigen, in vielerlei Hinsicht überwältigenden Aufführung. Ein passender Termin: der 9. November, jener Tag, der zugleich an die Reichspogromnacht, den Mauerfall, den Hitlerputsch und die Novemberrevolution erinnert.

Mendelssohn hatte sein Oratorium für „recht dicke, starke, volle Chöre“ komponiert – und solche standen ihm in der Romantik mit den damals zahlreich aufgekommenen großen Singvereinen mit hunderten Sängern tatsächlich zur Verfügung. Diesem Ideal kam die Aufführung in Iserlohn beeindruckend nahe: Über 120 Sängerinnen und Sänger aus den Chören der Musica Sacra (Iserlohn), der Ars Musica St. Vincenz (Menden) und dem Kirchenchor St. Blasius (Balve) vereinten sich auf Initiative ihrer Chorleiter Tobias Leschke, Christian Rose und Maximilian Wolf zu einem mächtigen Klangkörper. Ihr Ziel war ehrgeizig: die gesamte Ausdruckskraft romantischer Chormusik zu entfalten, Mendelssohns Klangideal nahezukommen und den hohen musikalischen Anforderungen des Werkes gerecht zu werden. Dafür waren nicht nur organisatorisches Geschick, sondern vor allem eine enge musikalisch-interpretatorische Abstimmung zwischen den drei Chorleitern notwendig – schließlich verlangt das über zweistündige Werk in jeder Hinsicht Präzision und Ausdruckstiefe. Das Ergebnis: schlichtweg hervorragend.

Elias als Vorbild für Zivilcourage und Mitmenschlichkeit

„Ich hatte mir beim Elias einen Propheten gedacht, wie wir ihn etwa heut’ zu Tage wieder brauchen könnten“, schrieb Mendelssohn 1838. Kaum ein Satz könnte in unserer heutigen Zeit aktueller klingen. Inmitten globaler Krisen, politischer Unsicherheiten und wachsender Sprachlosigkeit gegenüber der Wahrheit sind Menschen gefragt, die sich – wie Elias – unbeirrt für Überzeugung und Aufrichtigkeit einsetzen. Darauf verwies auch Tobias Leschke in seiner Begrüßung, als er den Bogen zur Reichspogromnacht am 9. November 1938 spannte und gemeinschaftliches Handeln gegen Hass und Verachtung, für Mitmenschlichkeit und Empathie forderte.

Doch worum geht es in Mendelssohns monumentalem Werk eigentlich? Im Alten Testament kündigt der Prophet Elias dem Volk Israel eine schwere Dürre an. Unter König Ahab und seiner machtbewussten Gemahlin Isebel hatte sich das Volk vom Gott Israels abgewandt und dem Wettergott Baal zugewandt. Erst als Elias das Zeichen des vom Himmel fallenden Feuers beschwört und schließlich der erlösende Regen einsetzt, kehren die Menschen zu Jahwe zurück. Doch Elias’ Sieg ist nur von kurzer Dauer: Zweifel, Erschöpfung und Einsamkeit stürzen ihn in eine tiefe innere Krise. Schließlich wandelt sich sein Gottesbild – weg vom strafenden Herrscher hin zu einem barmherzigen, tröstenden Gott. Gestärkt durch Vertrauen und Hoffnung führt Elias das Volk zur Umkehr, stürzt den König und fährt am Ende in den Himmel auf. Mit jubelnden Lobgesängen beschließt Mendelssohn sein Oratorium – ein Werk, das den Propheten als zutiefst menschliche, vielschichtige Gestalt zeigt: als Zweifler und Kämpfer, dessen Glaube aus der Kraft des Vertrauens erwächst.

Im Verlauf des Oratoriums übernimmt der Chor zahlreiche Rollen und trägt das dramatische Geschehen maßgeblich. Das aus drei Chören vereinte Ensemble meisterte die heroisch-prachtvollen wie auch die innig-lyrischen Passagen gleichermaßen überzeugend. Der Klang war ausgeglichen, homogen und von hoher stimmlicher Präsenz geprägt – mal aufrüttelnd und dramatisch, dann wieder feinfühlig und berührend.

Chorakademie Dortmund überzeugt mit Solisten und Orchester

Die drei Chorleiter führten, abwechselnd am Pult, sicher durch die Partitur mit ihren vielen spontanen Einsätzen von Chor, Solisten und Orchester. Die vier Solisten – Sophie Richter (Sopran), Dorothée Rabsch (Alt), Youn-Seong Shim (Tenor) und Andreas Elias Post (Bass) – überzeugten mit brillanter Gestaltung, klanglicher Präsenz, Strahlkraft insbesondere in den höheren Bereichen ihres Parts und sicherer Kommunikation mit dem Orchester, das in der akustisch anspruchsvollen Kirche souverän und professionell agierte. Das rund 40-köpfige Ensemble, bestehend aus Mitgliedern des Philharmonischen Orchesters Dortmund, bildete ein warmes, romantisch gerundetes Klangfundament und bestach durch Disziplin, Präzision und wohltuende dynamische Zurückhaltung, selbst in den Blechbläsern – keine Selbstverständlichkeit. Ein besonderer Moment war der kurze, aber betörend schöne Einsatz eines Solisten des Knabenchores der Chorakademie Dortmund, der am Ende des ersten Teils mit verdientem Zwischenapplaus bedacht wurde.

Auch wenn Tobias Leschke bei der Planung dieses Mammutwerks nicht ahnen konnte, dass er Iserlohn so bald Richtung Paderborn verlassen würde, darf diese Aufführung doch als Krönung seiner ereignisreichen und sehr erfolgreichen Zeit als Dekanatskirchenmusiker an St. Aloysius gelten. Das zahlreich erschienene Publikum dankte ihm und natürlich auch allen Mitwirkenden mit begeistertem Applaus und stehenden Ovationen.

Foto: © IKZ | Dennis Echtermann

Quelle: → https://www.ikz-online.de/lokales/iserlohn/article410420342/fesselnde-auffuehrung-von-mendelssohns-elias-in-iserlohn-begeistert-publikum.html
(zuletzt: 11.11.2025)