Heilig Geist

Einige Gedanken zum Umgang mit unmodernen Orgeln am Beispiel der Orgel in der Heilig-Geist Kirche in Iserlohn von DKM Johannes Krutmann in: Kichenmusikalische Mitteilungen 2/2010, S. 43-50 Im Bereich des Erzbistums Paderborn gibt es einen großen Bestand an Orgeln aus den fünfziger und sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, die oft konzeptionell problematisch, klanglich unbefriedigend und handwerklich wenig überzeugend sind und nicht zuletzt deshalb bereits bauliche Veränderungen erfahren haben. Oftmals stellt sich vor Ort die Frage, wie mit diesen Instrumenten verfahren werden soll, wenn der Austausch des Instrumentes durch einen Neubau nicht möglich ist. Im Zuge von Veränderungen in Kirchenräumen ergibt sich bisweilen die Gelegenheit, sich nachhaltig mit einer Orgelproblematik zu befassen. Ohne generelle Lösungen benennen zu wollen, sollen anhand eines Fallbeispiels einige Anregungen und Gedanken zu dieser Problematik erläutert werden.

Projektbeschreibung:

In der Heilig-Geist Kirche in Iserlohn musste man sich wegen der Umgestaltung des Kirchenraumes mit dem bestehenden Orgelwerk näher beschäftigen. Hier zeigte sich ein problematisches Instrument der 1950er Jahre, das auf der rückwärtigen Empore mit einem Freipfeifenprospekt vor einer großen Fensterfront platziert war. Die vorhandene Substanz wies erhebliche Mängel auf. Das Instrument war 1953 mit elektro-pneumatischen Kegelladen gebaut worden, später kam mit dem ergänzten Rückpositiv eine elektrisch angesteuerte Schleiflade hinzu. Nicht nur die verschiedenen Ladensysteme, auch die unterschiedlichen Intonationsparameter resultierten ein inhomogenes Klangbild. Das Pfeifenwerk war stark verschmutzt, der Windmotor defekt, aber noch funktionstüchtig, Probleme bei der Windversorgung waren unüberhörbar, das Klangergebnis somit entstellt, erheblich verstimmt und insgesamt desolat. Außerdem zeigten sich viele Pfeifenmaterial wies Beeinträchtigungen durch Stimmschäden auf, die Tonansprache war aufgrund der Verschmutzung und in Folge schlecht regulierten Kegelhubes völlig ungleichmäßig. Die Windladen machten einen soliden Eindruck. Damit offenbarten sich Desiderate in fast allen wesentlichen Bereichen des Instrumentes, die durch den konzeptionell inhomogenen Zustand einer hinterständigen, orgelbewegten Kegelladenorgel und einem neobarocken Brüstungspositiv noch bekräftigt wurden. Diese Bestandsaufnahme ließ das vorhandene Instrument nicht prädestiniert erscheinen, in einem veränderten Raumkontext mit entsprechend aufwändigen Renovierungs- und Neuplatzierungsarbeiten wieder verwendet zu werden, zumal die Dispositionsgröße mit 36 Registern auf drei Manualen und Pedal im verkleinerten Kirchenraum kaum realistisch unterzubringen sein würde. Es stellte sich zu Beginn der Projektplanung die Frage, inwieweit sich Investitionen in die Substanz dieses Instrumentes in einem gesteigerten Wert ausdrücken könnten. Deshalb wurden drei Alternativen vorgeschlagen:
  1. Ein Austausch des Instrumentes,
  2. eine Übernahme des Werkes samt Prospektfront mit Reduzierung der Disposition,
  3. eine Übernahme des Instrumentes mit Neuorganisation des Werkaufbaus.
Die Kirchengemeinde war am Ankauf einer geeigneten, qualitativ hochwertigen, gebrauchten mechanischen Orgel nicht interessiert, so dass man sich mit dem vorhandenen Instrument auseinandersetzen musste und mit verhältnismäßig geringen finanziellen Mitteln ein sinnvolles Konzept erstellt werden sollte. Zusätzlich zur Instandsetzung des Instrumentes war wie bereits o. a. die Verringerung des Raumvolumens ein begleitender Aspekt, der sowohl bei der Neuplatzierung als auch bei der klanglichen Gestaltung berücksichtigt werden musste. Da also der gesamte Kirchenraum neu gestaltet und damit auch das die Orgelarchitektur konstituierende große Westfenster nicht mehr sichtbar sein würde, war die Neugestaltung des Instrumentes auf einer neuen, kleineren Empore nunmehr folgerichtig.

Maßnahmen:

Zunächst wurde eine regelrechte Umorganisation der Orgel entworfen, welche die einzelnen Teilwerke neu positioniert. Das Pedalwerk konnte tiefer gestellt und damit in voller 16′-Länge übernommen werden. Im Gegensatz dazu wurde das Schwellwerk, vormals in Bodennähe positioniert, auf das Niveau des Hauptwerkes angehoben. Dadurch ergibt sich eine weitaus bessere Klangabstrahlung sowie äußerlich die Verdeckung des Jalousiengehäuses durch die Oktave 4′ des Hauptwerks. Fehlende Gehäuseflächen wurden ergänzt, der innere Aufbau wurde durch zusätzliche Gerüste, Laufböden und Flächen zuverlässiger stabilisiert und ist zu Wartungszwecken leichter erreichbar. Die schlicht gestaltete neue Orgelfront integriert das ehemalige Brüstungspositiv und platziert den ehemals seitlich stehenden Spieltisch neu als mittig eingebauten Spielbereich. Durch die Neuorganisation der Orgelanlage konnte trotz reduzierter Aufstellungsfläche und veränderter Deckenhöhe das gesamte Orgelwerk komplett übernommen werden. Abschließend wurde eine umfangreiche Neuintonation durchgeführt, bei der in der veränderten akustischen Situation des neuen Kirchenraumes mehrere Probetöne erarbeitet wurden. So konnte eine erhebliche klangliche Veränderung erreicht werden, die der Orgel größere Präsenz und stärkere Charakterisierung von Klangfarben und -flächen verleiht. Während die Register der 1950er Jahre besser fokussiert werden mussten, war es notwendig, die Kernspaltenintonation der 1970er Jahre mit Nachsicht zu mildern. Erhebliche Entwicklung fand außerdem im Bereich der Zungenstimmen statt. Letztendlich konnte so ein klanglicher Gewinn erreicht werden, der trotz des kleineren Raumvolumens nicht als überdimensioniert bezeichnet werden muss. Nach Abschluss der Arbeiten konnte festgestellt werden, dass durch umsichtige Maßnahmen der dritten Projektalternative (Translozierung und Umbau) die komplett übernommene Substanz handwerklich profiliert und die Klanglichkeit der Orgel besser entwickelt werden konnte und sich unter den gegebenen Voraussetzungen die Beschäftigung mit diesem Instrument gelohnt hatte. Zusätzlich besteht für die nächsten Jahrzehnte eine Funktionssicherheit, so dass die Orgelproblematik hier in einem äußerst günstigen Kosten- und Nutzenverhältnis (die Kosten waren geringer als der Ankauf eines gebrauchten Instrumentes) pragmatisch und sinnvoll gelöst werden konnte.

Projekt beendet – Problem gelöst?

Gleichwohl wird unter nunmehr gesteigerten Ansprüchen bald deutlich, dass auch nach we-sentlichen Verbesserungen dieses Instrument ein Kind seiner Zeit bleibt und unter heutigen Gesichtspunkten, Ansprüchen und Erwartungen in fast allen Bereichen nicht voll genügen kann. Bei solch einem zeittypischen, unzeitgemäßen, unmodischen oder nach wie vor mit Konzep-tionsmängeln (unterschiedliche Ladensysteme, Dispositionsfehler u. a.) behafteten Instrument gilt es bei einer Beurteilung dann letztendlich auch, im Maßnahmenkatalog irgendwann einen Punkt zu setzen, um abschließend die jeweilige Orgel unter den gegebenen Voraussetzungen als einen Kompromiss, aber so weit wie möglich doch als ein eigenständiges Instrument zu respektieren. Als positives Beispiel einer einheitlichen und immer noch aussagekräftigen Orgel lässt sich die Orgel in der St. Michael Kirche in Hagen nennen, die m. W. ohne nennenswerte Veränderungen erhalten ist (Stockmann 1954, III Manuale* / 51 Register*). Der Umgang mit unmodernen Orgeln lehrte bei diesem Projekt gleichzeitig auch, dass ein Instrument zunächst von allen Beteiligten (Organisten, Orgelbauern, Architekten, Hörern) mit Sorgfalt, Gewissenhaftigkeit und Gelassenheit so weit wie möglich als ein ästhetischer Kontext betrachtet werden sollte, der im Idealfall ein – wenn auch unzeitgemäßes – ästhetisches Ganzes ergeben kann (oder wie hier, dass ein inhomogenes Konzept mit dieser Option weiterentwickelt wird).

Ideale, Kriterien, Kompromisse

Das hier beschriebene Projekt kann und soll nicht als ein exemplarisches Muster, sondern vielmehr als eine Studie und Diskussionsgrundlage über eine Möglichkeit des sinnvollen Umgangs mit unmodernen Orgeln betrachtet werden. Denn gerade das verallgemeinernde, muster- und schablonenhafte Beurteilen und Behandeln von Instrumenten schafft oft eine unangemessene, verkürzte Sicht auf Zeitströmungen, Arbeitsweisen, Klangstrukturen und Denkmuster, die im zeitlichen Rahmen manchmal erstaunlich nah (30 bis 60 Jahre), emotional aber weit entfernt scheinen und daher nicht mehr verstanden und empfunden werden können. Es gilt dann, einen angemessenen Rahmenplan zu gestalten, in dem ein Instrument, ausgehend von seiner ursprünglichen Prägung, als ästhetische Einheit fokussiert und in einen angemessenen, zuverlässigen handwerklichen Zustand zu bringen ist. (Die Orgel in der Marktkirche Hannover (Goll 2009, Prospekt 1954, etwa 60% Übernahme alten Pfeifenmaterials) ist ein gutes Beispiel für eine anspruchsvolle, gelungene Realisierung dieses Problems.) Selbstverständlich wird man nicht immer aus einem unspektakulären Nachkriegsinstrument ein Kleinod zaubern können, aber in den meisten Fällen doch ein Orgelwerk, das im Wert und in der Beständigkeit trotz mancher Kompromisse ein akzeptables Ergebnis bringt und im liturgischen Alltag bestehen kann. Die Erfahrung zeigt aber auch, dass damalige Entscheidungen und Maßnahmen sich in vielen Fällen als Missverständnisse, damit als falsch oder qualitativ minderwertig erwiesen haben. Orgelneubauten und der Austausch bestehender Instrumente haben daher nach wie vor ihre Berechtigung! Hier dürfen im Sinne einer Nachhaltigkeit keine falschen Kompromisse fortgesetzt werden, sofern die erforderlichen Möglichkeiten und Mittel zur Verfügung stehen. Es ist allerdings immer noch erstaunlich, wie wenig objektive Kriterien bei der Beurteilung von Instrumenten (nicht nur der 1950er Jahre) allgemein üblich sind. Stattdessen finden sich häufig persönliche Vorlieben, Ideologien, der Wunsch nach technischer Erweiterung und klangmodische Ergänzungen, in der Summe eben subjektive Vorstellungen und Einflüsse. Vereinfacht gesprochen dürfen diese Überlegungen und Ausführungen einerseits als ein Plädoyer für die Werterhaltung und Pflege bestehender Instrumente verstanden werden, andererseits aber auch zu einer differenzierten Auseinandersetzung mit Wertmaßstäben und Ansprüchen modischer Tendenzen im Orgelbau motivieren. Alltagsbeispiel: Ist eine elektronische Setzeranlage tatsächlich unverzichtbar, muss in ein neobarockes Schwellwerk tatsächlich eine pseudoromantische Schwebung, sollte jede neobarocke Kernspaltenintonation der 1960er Jahre neu intoniert werden, besitzt die Mixtur wirklich zu viele Chöre oder ist sie lediglich schlecht gestimmt? Diese Aufzählung ließe sich weiter fortführen und auch um den Umgang mit romantischen und spätromantischen Orgeln erweitern. Dass viele Instrumente, besonders solche, die in einer handwerklich nicht sehr profilierten Epoche oder mit hinfälligen handwerklichen Mitteln entstanden sind, nicht einem Idealbild entsprechen und nach baulicher Beschäftigung verlangen, ist kein Geheimnis. Somit müssen immer wieder Instrumente überarbeitet, erneuert oder ausgetauscht werden. Pauschalurteile sollten dabei jedoch von allen Beteiligten differenziert, gewissenhaft und in stetiger Lernbereitschaft überprüft werden. Leitfaden einer Beurteilung kann dabei zuerst die handwerkliche Qualität und ein möglichst einheitlicher Kontext von Material, Klang, Verarbeitung, Konstruktion, Technik und Architektur sein. Die größtmögliche Annäherung daran schafft oft ebenso eigenständige wie zeitlose Instrumente, wie sie aus allen Epochen überliefert sind und wie sie in aller Unterschiedlichkeit und Vielfalt faszinierend und inspirierend sind und bleiben.

Neuplatzierung von Orgeln – Chance und Risiko

Die Neuplatzierung eines Instrumentes im vorhandenen Raum oder gar die Translozierung eines Instrumentes aus einem anderen Raum stellen in den letzten Jahren zunehmend eine verbreitete Praxis im Orgelbau dar. Jedes Instrument wurde für einen individuellen Raumkontext geschaffen, der sowohl Konstruktion, Klang und Prospekt konstitutiv beeinflusst. Jede Veränderung eines Instrumentes stellt damit immer eine Veränderung der Grundsubstanz dar, und fast ausnahmslos darf dabei die Originalsubstanz als bester Zustand im Sinne einer Einheit von Funktion, Handwerk und Ästhetik angenommen werden. Spätere Veränderungen stellen oft erhebliche Eingriffe in diese einheitliche Substanz dar, diese Problematik und die Folgen (Rekonstruktion, Re-Restaurierung, Diskussion eines gewachsenen Zustands) sind besonders im Bereich der Denkmalpflege bekannt. Somit können Projekte mit der Umsetzung einer Orgel gleichzeitig Chance als auch Risiko sein. Ohne hier in idealisierende Betrachtungen verfallen zu wollen, darf festgestellt werden, dass zahlreiche historische Beispiele von Translozierungen im Bereich der Erzdiözese Paderborn (z. B. Borgentreich, Büren, Rhynern, Schliprüthen, Reiste, Ostönnen, Welver, Fleckenberg, Kellinghausen usw.) bis heute In unterschiedlicher Weise erhalten sind. Aber auch in jüngster Zeit sind interessante und unterschiedliche Projekte realisiert worden, so z. B. in Paderborn und Gleidorf (Translozierung von englischen Orgeln), Leiberg (historische Röver-Orgel aus Eberswalde), Dortmund-Rahm (unveränderte Übernahme der Heissler-Orgel aus der evangelischen Nachbargemeinde), Dortmund-Wickede (Translozierung der Orgel aus der Liebfrauenkirche in Hamm), Geisecke (Breil-Orgel aus einer Dortmunder Krankenhauskapelle), Herne-Pantringshof (Beckerath-Orgel aus der Melanchthon-Kirche in Düsseldorf), der Internatskapelle in Attendorn (Stockmann-Orgel aus dem Internat in Werl), Menden (Späth-Orgel aus Berlin) oder Gesecke (Neuplatzierung und Umbau der vorhandenen Sauer-Orgel).

Disposition der Orgel in der Heilig-Geist Kirche Iserlohn:

I. Manual: Hauptwerk, C-g'” 1. Rohrquintade 16′ 2. Prinzipal 8′ 3. Spillpfeife 8′ 4. Flötgedackt 8′ 5. Oktave 4′ 6. Offenflöte 4′ 7. Sesquialter 3f 2 2/3′ 8. Mixtur 6f 2′ 9. Trompete 8′ II. Manual: Positiv, C-g'” 10. Singend Gedackt 8′ 11. Kupferprästant 4′ 12. Nachthorn 2′ 13. Quinte 1 1/3′ 14. Rauschpfeife 2f 2 2/3′ 15. Hellzimbel 3f 2/3′ 16. Krummhorn 8′ III. Manual: Schwellwerk, C-g'” 17. Rohrbordun 16′ 18. Hornprinzipal 8′ 19. Harfpfeife 8′ 20. Rohrgedackt 8′ 21. Geigend Oktave 4′ 22. Blockflöte 4′ 23. Liebl. Prinzipal 2′ 24. Sifflöte 1′ 25. Scharff 4f V 26. Helle Trompete 8′ Tremualant Pedal, C-f 27. Prinzipalbass 16′ 28. Subbass 16′ 29. Echobass 16′ (Windabschw.) 30. Oktavbass 8′ 31. Spitzgedackt 8′ 32. Choralbass4′ 33. Koppelflöte 4′ 34. Schwiegel 2′ 35. Piffaro 5f 2′ 36. Posaune 16′ Spielhilfen: Handregister, 2 freie Kombinationen, 2 feste Kombinationen (Piano, Tutti), Einzelabsteller für Zungen und Mixturen, Crescendowalze Pistons: Crescendo ab, Koppeln aus Crescendo, Piano, Tutti Koppeln: ll-l, HM, lll-ll, l-P, ll-P, lll-P Superkoppel l-P Die Orgelbaumaßnahme in der Heilig Geist Kirche in Iserlohn wurde 2009 durch die Orgelbaufirma Elmar Krawinkel (Trendelburg) ausgeführt, Sachberatung DKM Johannes Krutmann, Hamm (Beauftragter für den Orgelbau in der Erzdiözese Paderborn).